SPD. Klartext mit Susanne Gaschke

„Gaschke bei Grünkohlessen. Klare Position zu Gaarden“
(Martin Geist – Kieler Nachrichten 25.02.2013)

Die Berichterstattung von Martin Geist in der KN bettelt geradezu um eine Kommentierung – also in aller Kürze: der Geist ist ein Gewohnheitstier und da ist er wieder sein unübertroffener Gefälligkeitsjournalismus.

Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke dagegen macht alles richtig. Heute muss man als Mitglied einer ehemaligen Volkspartei in öffentlicher Position, dass was man vertritt im im Minutentakt wechseln können. Schließlich soll es bei den jeweiligen Zuhörern ankommen. Da ist es folgerichtig, wenn Gaschke dem Publikum das sagt, was es offensichtlich hören will.

Frau Susanne Gaschke nutzte den deftigen Grünkohlgenuss für deftige Parolen. Der sogenannte Problemstadtteil Gaarden werde ihrer Meinung nach nicht mehr auf der Stelle treten, wenn man der Trinker-Szene Beine macht. Es seien die „Umgangsregeln“, die ihr im Bereich Karlstal nicht passen und sie wolle „mit großem Druck dafür sorgen, dass sie eingehalten werden. Gelinge dies nicht, dann müsse die Stadt auch den Mut zur Verdrängung aufbringen“, sagte die Oberbürgermeisterin. Schließlich sei auch schon in der Vergangenheit ein Szene-Hopping vom Asmus-Bremer-Platz über den Hauptbahnhof bis ausgerechnet nach Gaarden als Stadtteil mit der höchsten Integrationsleistung betrieben worden,“ sagte Gaschke laut KN. Wohin die Reise diesmal geht, ließ sie offen.

Für seine Integrationsleistung allerdings wird der Stadtteil nicht belohnt; vielmehr spricht Frau Gaschke davon, man müsse „Mut zur Verdrängung“ haben. Aber warum denn „Mut“? Restscham – weil man sich als Sozialdemokrat nicht an den Schwächsten der Gesellschaft vergreift? Weil der Widerspruch zwischen Sonntagsreden und sozialdemokratischer Realität deutlich wird? Den wichtigen Gutmenschen ist jedenfalls nicht die Schinken-Pferdewurst im Hals steckengeblieben.
Noch vor drei Monaten sagte Ratsherr Schmalz im Ortsbeirat Gaarden „Niemand habe vor Menschen aus ihren Wohnungen zu vertreiben“. Jetzt will die Verwaltungschefin eine „Gentrifizierung nach Augenmaß“. Das sei nämlich, meint Frau Gaschke, „kein Teufelszeug“. Frau Gaschke will, dass wohlhabendere Leute nach Gaarden ziehen und ärmere Leute sich in anderen Stadtteilen nach bezahlbaren Wohnungen umsehen.

Gentrifizierung ist tatsächlich kein Teufelswerk, sondern Menschenwerk – hier ein sozialdemokratisch gewolltes.
Das gesamtstädtische Problem Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Konzentration von Benachteiligung im Stadtteil Gaarden – wird zum Problem des Stadtteils gemacht. Dabei ist völlig klar, dass die (die-doppelt, muss raus) sozial-räumliche Armut gesamtgesellschaftliche bzw. gesamtstädtische Ursachen hat, die sich in Gaarden ballen.
Die durch die Lokalpolitik initiierte Gentrifizierung zeichnet sich dadurch aus, dass Fördergelder und andere Gelder für symbolträchtige Projekte in einen Stadtteil (in den Stadtteil-raus, doppelt) investiert werden – um „Zeichen zu setzen“ und so erst die ökonomische Aufwertungsspirale nach oben auslösen. Die Glücksspirale fürs Geld wird aber schnell zur Abwärts- bzw. Verdrängungsspirale für die Mieter.
Die Erfahrungen mit der “Aufwertung” innenstadtnaher Lagen aus anderen Städten zeigen, dass diese Aufwertungsprozesse immer Verdrängungseffekte nach sich ziehen – Umzüge auslösen, die dann anderenorts zu erheblichen Negativeffekten führen und die Verdrängung von ärmeren Haushalten lediglich die Konzentration von benachteiligten Bewohner/innen in anderen Stadtteilen oder gar anderen Kommunen befördert. Diese Form der Stadtentwicklungspolitik will Probleme nicht lösen, sondern nur verlagern. Kein Wunder, wenn man Stadtentwicklung rein ökonomisch wettbewerblich und nicht emanzipatorisch gestaltend begreift.

Was ist Gentrification oder Gentrifizierung
„Der Begriff Gentrifizierung wurde in den 1960er Jahren von der britischen Soziologin Ruth Glass geprägt. Abgeleitet vom englischen Ausdruck „gentry“ (= niederer Adel) wird er seither zur Charakterisierung von Veränderungsprozessen in Stadtvierteln verwendet und beschreibt den Wechsel von einer statusniedrigeren zu einer statushöheren (finanzkräftigeren) Bewohnerschaft, der oft mit einer baulichen Aufwertung, Veränderungen der Eigentümerstruktur und steigenden Mietpreisen einhergeht.“
„Im Zusammenhang mit dem Aufwertungsprozess erfolgt oft die Verdrängung sowohl der alteingesessenen, gering verdienenden Bevölkerung als auch von langansässigen Geschäften, die dem Zuzug der neuen kaufkräftigeren Bevölkerung und deren entsprechend veränderten Nachfrage weichen müssen. In der Regel sind es innerstädtische Viertel, die von Gentrifizierung betroffen sind.“
„Die Entwicklung des deutschen Wohnungsmarktes zeigt, dass – auch durch das seit der Jahrtausendwende zunehmende Agieren internationaler Finanzinvestoren auf dem deutschen Immobilienmarkt – hierzulande Gentrifizierung zu einem wachsenden Problem geworden ist.“
„Neben der Tatsache, dass Gentrifizierungsprozesse selten konfliktfrei verlaufen, ist auch die Belastung öffentlicher Haushalte von Bedeutung. Geht Gentrifizierung mit einer Verdrängung einkommensschwacher Haushalte einher, steigen meist auch die Ausgaben der öffentlichen Hand für die Absicherung des Wohnens derjenigen Bevölkerungsschichten, die sich ihre alten Wohnungen aufgrund von Mietpreissteigerungen nicht mehr leisten können.“
(Deutsches Institut für Urbanistik. 4/11 – Was ist eigentlich Gentrifizierung)

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